Oft bekomme ich Kommentare auf Instagram wie: „ich bewundere deine Motivation und deinen Ehrgeiz“ oder „bei dir sieht Abnehmen so einfach aus“ – doch hinter dem Kampfgeist und dem Lächeln gibt es auch noch eine andere Welt.
Zum Verständnis ist die Vorgeschichte wichtig:
Ich habe zwischen meinem 17. und 19. Lebensjahr 30 kg zugenommen, ohne dass sich meine Ernährung geändert hat. Das war ein schleichender Prozess und man merkt so etwas selbst leider erst wenn es viel zu spät ist. Ich habe mit meinem Auszug von Zuhause mit 20 Jahren dann versucht jegliche Diät umzusetzen, habe Sport gemacht – aber alles half nichts. Die Ärzte haben meine Schilddrüse getestet, es wurden Diabetes-Test gemacht, ich wurde auf Nahrungsmittelunverträglichkeiten getestet aber die Ergebnisse waren immer negativ.
Mit 22 habe ich meine ganze Leidensgeschichte meinem Frauenarzt vorgetragen, der ebenso wie ich sofort der Meinung war, dass irgendetwas nicht stimmt. Also wurde ein erneuter Diabetes-Test gemacht: positiv!
Das hat mich erst mal völlig aus der Bahn geworfen. Bei mir ist es noch nicht vollständig ausgeprägt – das heißt, meine Bauchspeicheldrüse schüttet durchgehend Insulin aus (bei Diabetes produziert der Körper kein eigenes Insulin mehr). Somit habe ich den ganzen Tag lang einen erhöhten Insulinspiegel, bei der Nahrungsaufnahme noch viel stärker. Die Bauchspeicheldrüse kann dieser Produktion nicht mehreren Jahre stand halten, in absehbarer Zeit geht sie daran kaputt und stellt die Funktion ein. Das Gute an dieser Vorstufe der Diabetes ist, dass man durch das Erreichen des Normalgewichtes eine Chance auf Regeneration der Bauchspeicheldrüse hat und somit nie (oder erst in vielen Jahren) auf zusätzliche Insulinspritzen angewiesen ist. 
 
Nach dieser Diagnose habe ich erst mal einige Zeit den Kopf in den Sand gesteckt. Doch das hilft ja alles nichts – also habe ich den Hintern zusammen gekniffen und den Kilos den Kampf angesagt. Ich habe spezielle Diabetes-Tabletten, die auch Patienten mit vollständig ausgeprägtem Diabetes nehmen. Durch diese Tabletten wird mein Insulinspiegel reguliert. Das bedeutet, dass die Fettverbrennung wieder beginnt zu arbeiten (bei einem hohen Blutzucker- und somit hohen Insulinspiegel wird kein Fett verbrannt) und so konnte ich endlich abnehmen konnte.
 
Ich habe begonnen auf Kohlenhydrate zu verzichten (ohne je die kcal oder den kh-Gehalt zu berechnen) und bin 2x die Woche ins Fitnessstudio gegangen. Binnen 6 Monaten hatte ich auch 20 kg abgenommen.
 
Tja, und wie es dann so ist – man ruht sich auf seinen Erfolgen aus, man fängt an sich immer öfter ungesunde Dinge zu gönnen („ich hab jetzt so viel erreicht, da kann ich mir mal etwas gönnen“) und der Sport wird auch immer weniger. Zur gleichen Zeit hatte ich unheimlichen Stress in der Uni, ich habe meine Arbeitsstelle (zwar nur als studentische Aushilfe, aber trotzdem) verloren und im Freundeskreis gab es auch Schwierigkeiten.
Folge: 15 kg waren nach einem Jahr Pause wieder drauf.
 
Silvester 2013/14 hatte ich ein unschönes Erlebnis. Wie jedes Jahr sind mein Freund und ich abends essen gegangen. Am Nebentisch sagte ein Herr in einer Lautstärke die für mich nicht zu überhören war, dass ich doch besser zum Salat greifen solle so wie ich aussehen.
Am nächsten Tag habe ich mein Leben radikal auf den Kopf gestellt. Ich habe begonnen mindestens 5x die Woche intensiv Sport zu treiben und habe mich wieder der kohlenhydratreduzierten Ernährung zugewandt. Ich dachte mir „okay, im Internet sagt jeder Low Carb ist der einzige richtige Weg. Dann muss das bei mir doch auch funktionieren?!“ Es lief wieder richtig gut, die Kilos purzelten, ich hatte konstante Abnahmen von bis zu 1 kg die Woche. Ich fühlte mich stark, mein Sportprogramm lief gut. Bis Ende März.
Seit Ende März stehe ich auf meinem Gewicht – mal 400 g abgenommen, dann 600 g zugenommen.
Die 13. Woche in Folge jetzt.
Natürlich ernähre ich mich nicht stehts tadellos – aber bei 3000 kcal die ich wöchentlich nur durch Sport verbrenne kann eine Pizza nicht alles ruinieren. Setze ich hingegen mal 2 Tage mit dem Sportprogramm aus, ist das Plus auf der Waage so sicher wie das Amen in der Kirche.
Ich habe mit meinem Frauenarzt, der immer ein offenes Ohr für mich hat, darüber gesprochen – und er denkt ebenfalls, dass ein gesunder Körper mit dem Sportaufwand und der Ernährung in 6 Monaten bereits deutlich Gewicht verloren haben müsste. Bei mir sind es ganze 5 kg dieses Jahr.
 
Ich habe in den letzten Wochen bereits mehrere Diabetologen besucht, Fachärzte für Stoffwechselkrankheiten. Habe ihnen meine Geschichte unter Tränen erzählt, habe von meinem Diabetes erzählt und auch davon, dass ich unter schlimmen Zysten im Unterleib leide. Ich habe erzählt, dass der Diabetes-Test nun schon 3 Jahre her ist und auch die Schilddrüsenuntersuchung bereits 4 Jahre zurück liegt.
Leider kann – möchte – will man mir nicht helfen. Es kamen Aussagen wie „Naja, wer soviel Gewicht mit sich herum trägt kann nur ungesund essen & Sport machen Sie sicher auch keinen“ – oder „am Besten wäre eine Ernährungsberatung für Sie, damit Sie lernen, dass Pommes und Pizza nicht dünn machen“.
Keiner der Ärzte hat Blut abgenommen um meine Diabeteswerte zu überprüfen oder um die Funktionsfähigkeit meiner Schilddrüse zu testen.
 
Und das bringt mich zu meinem Post heute: 
Ich komme gerade vom nächsten Diabetologen – er hat mir gesagt, dass man da überhaupt nichts untersuchen könnte (der Begriff Schilddrüsenunterfunktion hat ihm im Zusammenhang mit Abnehmen nichts gesagt) & er wollte mir erklären, dass ich nur Gewicht verliere wenn ich hungere und ich mich an ein Hungergefühl gewöhnen muss. Außerdem brauche ich nicht unbedingt Sport machen, da dies eigentlich nichts bringt. Wortwörtlich sagte er mir, dass ich nur dann abnehmen kann, wenn ich gerade so viel esse, dass es zum Überleben reicht. Wenn ich das nicht schaffe, dann müsse ich mich damit abfinden mein restliches Leben dick zu sein.
Bitte glaubt so etwas niemals! 
In den letzten Tagen und Wochen habe ich viele Tränen vergossen. Habe oft ans Aufgeben gedacht und umso öfter in den Spiegel gesehen ohne dabei zu lächeln. Von Tag zu Tag wird es schwieriger, sich zum Sport aufzuraffen und die Ernährung beginnt auch darunter zu leiden. Ich achte zwar jeden Tag darauf in meinen Kalorien zu bleiben – aber es ist nicht so, wie ich es mir eigentlich vorgenommen habe.
 
Natürlich bin ich stolz darauf, was ich schon erreicht habe & mein Körper ist trotz der geringen Abnahme von 5 kg ein ganz anderer als zu Beginn des Jahres, aber irgendwann ist die Energie zum Kämpfen ausgeschöpft. Mein Ziel war es, bis zum Sommer die 7 vorne zu haben. Leider bin ich davon seit März 4,5 kg entfernt. Ich beginne mich von Woche zu Woche unwohler zu fühlen, ich fange wieder an, meinen Körper zu verstecken und auch meinem Freund fällt es zunehmend auf, dass mein Lächeln verschwindet.
 
Auch wenn ich nach Außen so motivierend und stark herüber komme, gibt es eben auch die negativen Seiten.
Ich beneide die Mädels, die in einem halben Jahr 20 kg abgenommen haben und würde alles dafür geben genauso erfolgreich zu sein. Ohne die ganze Instagram-Fit-Gemeinschaft hätte ich wohl schon lange aufgegeben – dank euch beginne ich jeden Tag auf’s neue zu kämpfen.
Wir haben alle unser Päckchen zu tragen & in den letzten Wochen verstehe ich die Mädels, die beginnen irgendwelche Tabletten oder Pülverchen zu sich zu nehmen, da sich durch gesunde Ernährung und Sport einfach nichts mehr tut. Und wieso so viele Mädchen essgestört sind oder sich gar in die Magersucht bzw. Bulimie treiben wird mir auch immer deutlicher.
Ich bin froh, dass ich von so etwas bisher verschont geblieben bin, aber es ist eben nicht alles Gold was glänzt.  
 
Wenn es Mädels unter euch gibt, die das Selbe oder ähnliches durchlitten haben, würde ich mich wahnsinnig freuen wenn ihr mir schreibt NinaMarleen89@gmail.com 


Nachtrag vom 06.10.2014: 
Im Juli wurde (bei Arzt Nr. 8!) eine Schilddrüsenunterfunktion festgestellt. Ich nehme seit dem L-Thyroxin 50mg und fühle mich deutlich besser. Ich bin nicht mehr so antriebslos und müde und komme morgens deutlich besser in Schwung. 
Das Abnehmen läuft nach wie vor schleppend aber ich habe nun mittlerweile wieder 3 kg weniger. Mir ist klar, dass die Tabletten kein Wundermittel sind und niemand sollte sie nehmen nur um Gewicht zu verlieren. 
Etwas hat sich jedoch für mich gravierend verändert – habe ich vorher durch das bloße Angucken einer Pizza ein gutes Kilo zugenommen, so nehme ich nun seeehr viel langsamer zu (1 Woche Schlemmen im Urlaub: +1,5 kg). Gleichzeitig verliere ich die Kilos vom Cheaten auch wieder sehr schnell und muss mir dadurch auch nicht mehr alles verbieten und mir ständig auf die Finger hauen. 

Ihr seht, dass es sehr wichtig ist auf seinen eigenen Körper zu hören & hartnäckig zu bleiben, wenn man das Gefühl hat, dass etwas nicht stimmt! 

Nach wie vor freue ich mich jederzeit über Mails von euch – euer Zuspruch und eure Erfahrungen geben mir immer wieder neue Kraft! 

Written by ninamarleen

10 Comments

Fraeulein Meli

Ich bin gerade unheimlich gerührt und schockiert zu gleich. Am liebsten würde ich dich jetzt erst einmal in den Arm nehmen.
Sei dankbar für deinen Freund und deine Familie und auch für deinen Frauenarzt.
Ich bin wirklich schockiert was es für inkompetente Ärzte gibt. Die müsste man bei der Ärztekammer anschwerzen.

So wie ich dein Gewicht herauslese bist du ähnlich meinem Ergebnis auf der Waage.Ja es ist etwas mehr.aber du bist deswegen nicht wahnsinnig fett. Ich verstehe deinen medizinischen Grund des abnehmens und es berührt mich sehr davon zu lesen und das dir scheinbar keiner helfen kann.
Ich würde dir so gerne Tipps geben aber leider habe ich keine.
Ich kann dir gerade nur sagen das du dir und deiner Linie die du fährst treu bleiben musst
Kopf hoch. Lass dir von solch inkompetenten Leuten nicht dein Leben und deine Erfolge versauen.
LG

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catharina

Hi Nina,
Vielen Dank für das Teilen deiner Geschichte..
Sie kommt mir leider sehr bekannt vor, so habe ich in 2 Jahren wieder 7 Kilo zugelegt und auch einiges an Fett obwohl sich mein Sportpensum noch erhöht hat und ich auch hauptsächlich low carb lebe. Mein arzt meinte nur zu mir: „na, wenn sie so viel sport machen hat man doch auch viel hunger, sicher dass da nicht mal so ne torte zwischenrutscht?“ …. mittlerweile bin ich echt am ende mit den nerven. Heute war wiegetag und es waren wieder 0,8 kilo mehr drauf. Vielleicht hast du ja nochmal einen tipp bezüglich Ärzte in bremen für mich? Liebe grüße, Cat

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Steffi

Liebe Nina ich folge dir auf instagram schon sehr lange und verfolge auch deine Geschichte. Mir ging es seit April ähnlich wie dir – ich musste aus Folge meiner Autoimmunerkrankung ein Chemotherapeutika nehmen. Seit da an ging mein Gewicht ständig nach oben trotz meiner Ausgewogenen Ernährung und Sport (den ich mehr denn je mache). In den letzten 3 Monaten habe ich mich noch nie sie unwohl gefühlt und Tränen vergossen. Ich kann jedes einzelne Wort von dir nachvollziehen und auch die Gefühle die sich dahinter verbergen. Am schlimmsten sind dann solche Worte wie „es liegt daran dass du so viel isst“ oder man soll sich nicht raus reden – das tut weh weil man doch eigentlich alles versucht! Der Arzt Marathon kommt mir sehr bekannt vor – und dafür gibt es keine Worte die das erklären können wie abgeschlagen und niederschmetternd die Termine/Untersuchungen und auch Ergebnisse sind. Jetzt endlich erhielt ich eine Mail meines Facharztes der Neurologie dass ich evtl. eine latente Hypothyreose habe.. Zusätzlich von meinem Hausarzt am selben Tag die Blutarmut festgestellt wurde. Ich hoffe sehr dass das mit der Schilddrüse schnell geklärt wird und ich eingestellt werde. Du warst schon davor ein riesen Vorbild für mich aber durch das alles hier bist du noch ein viel größeres Vorbild für mich. Wie lange hat das einstellen den bei dir gedauert? Ich schicke dir viele liebe Grüße

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ninamarleen

Hallo liebe Steffi,
oh man das hört sich echt hart an 🙁 ich hoffe so sehr für dich, dass sich nun endlich irgendein „Ergebnis“ zeigt – irgendwann hofft man einfach nur noch, dass man irgendeine Erkrankung hat, damit die Ursache des ganzen mal gefunden wird. Also bei mir haben sich direkt nach 4-6 Wochen schon Ergebnisse auf der Waage gezeigt, nachdem ich angefangen habe die Tabletten zu nehmen. Ich bin mit 50mg eingestiegen – das ging ca. ein halbes Jahr lang gut. Dann kamen wieder Symptome wie Müdigkeit, Antriebslosigkeit hinzu und ich wurde auf 75mg „hochgestuft“. Das habe ich dann bestimmt fast 1 1/2 Jahre genommen, bis dann wieder die Symptome kamen. Seit einem halben Jahr nehme ich jetzt 112,5 mg und mir geht es gut. Ich habe immer schon nach 4-5 Tagen gemerkt, wenn die Dosis erhöht wurde.
Ich drücke dich ganz fest und wünsche dir für die Zukunft alles gute! Hoffentlich geht es dir schnell besser :*

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Steffi

Dankeschön für die lieben Worte! Ich hoffe auch sehr dass es soweit alles dann ins Laufen kommt. Wenn ich mehr weiss wende ich mich evtl. nochmal an dich 🙂

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Sophia

Liebe Nina,
ich nehme seit etwa zwei Jahren auf L-Thyroxin und zuerst die 25mg, aber jetzt die 50mg, weil es mich genervt hat, dass sich einfach keine Veränderung eingestellt hat. Wie lange hat es gedauert, bis du eine Veränderung aufgrund der Tablette gemerkt hast oder war überhaupt etwas zu merken? Der Blogeintrag ist von Juli 2016, gibt es da inzwischen eine Änderung bzgl. der Dosierung? Nimmst du noch immer 50mg oder gar wieder niedriger oder höher?
Liebe Grüße Sophia

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ninamarleen

Der Artikel ist sogar von Sommer 2014 😉
Ich nehme seit Sommer 2016 mittlerweile jeden Tag 112,5 mg und fahre damit sehr gut. Meine Tablettendosis wird aber regelmäßig vom Arzt kontrolliert und ich habe seit dem absolut keine Symptome mehr von der Unterfunkton. Eine Veränderung habe ich immer relativ schnell bemerkt, binnen 2-4 Wochen.

Viele liebe Grüße,
Nina

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